Gartenverband
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Hortus Conclusus

Hortus Conclusus, Folge 14 pdf

Vogelschau

von Jonathan Caspar Dralle 

Es gibt in Berlin eine Gegend, da wohnen fast nur Unternehmer, Botschafter und politische Prominenz. Als ich dort vor Jahren von einer älteren Dame einen meiner ersten Aufträge erhielt, machte ich eine erstaunliche Entdeckung: ein nicht eben kleines und in voller Blüte stehendes Cannabis-Beet, nahe zur Straße und für jedermann sichtbar.

Hortus Conclusus 2Ob die Pflanzen nun gedüngt oder entwurzelt werden sollten, war mir nicht ganz klar. Ich zeigte meiner Kundin also das Beet und sagte, dass sie gegen das Betäubungsmittelgesetz verstoße. Die Dame war entsetzt. Hinzukam der Schreck: Ihre stattliche Cannabis- Plantage befand sich nur wenige hundert Meter von des Kanzlers Villa entfernt, in der damals Herr Schröder regelmäßig Staatsbesuch empfing. BND, LKA oder reguläre Polizeistreifen dürften abwechselnd im Viertelstundentakt an dem Rauschgiftbeet meiner Kundin vorbeigefahren sein.

Der Urheber des Übels war schnell entlarvt. Es muss ein bunter Vogel gewesen sein, der eigentlich hinter Gittern sitzt: der Kanarienvogel. Er hatte die Hanfsamenkörner seiner Vogelfuttermischung verschmäht. Der Käfig wurde von der alten Dame nichtsahnend immer an der gleichen Stelle des Gartens entleert – mit den beschriebenen Folgen. Die meterhohen Pflanzen gefielen ihr irgendwie. Mich brachte diese Situation auf einen ganz anderen Gedanken. Wie viel interessanter ist es, das Verhalten der Vögel in der freien Natur – statt im Käfig – zu beobachten?

Die Frage ist nur: Wie lockt man diese faszinierenden Tiere in den Garten? Es ist eigentlich ganz einfach: Man muss ihnen gute Lebensumstände bieten. Sie brauchen etwas Ruhe, ungestörte Rückzugsmöglichkeiten, Nahrung und Nestbaumaterial. All diese Faktoren können von uns beeinflusst werden. Hilfreich sind dabei alte Baum- und Strauchbestände, in denen nicht andauernd herumgegärtnert oder gespielt wird. Auch jegliche Art von Baumhöhlen oder Nistkästen bringen Ruhe in so ein Vogelleben. Die Vogelschutzzeit muss eingehalten werden – also Bäume oder dichte Hecken nicht im Frühjahr oder Sommer roden.

Bäume und Sträucher, die auch im Winter Früchte tragen, sind ein zuverlässiger Lieferant für Nahrung. Da bieten sich die Eberesche, Haselnuss, Apfeldorn, Walnuss und sämtliche Beerensträucher an. Wenn davon nur wenig vorhanden sind, kann auch mit Erdnüssen, Sonnenblumenkernen und den bekannten Futterkugeln, welche einen hohen Fettgehalt haben, nachgeholfen werden. In besonders harten Wintern kann man den Vögeln durch Füttern das Leben retten. Die Vögel werden dieses Zusatzangebot dankbar annehmen – und wenn Sie es geschickt positionieren, können Sie die Vögel dabei beobachten. Und kennenlernen.

Um das Nest bauen und isolieren zu können, werden diverse natürliche Baustoffe gebraucht. Dazu gehören sich gut ineinander verzahnende Zweige und Grashalme sowie isolierende und polsternde Materialien wie Pampasgras, China-Schilf oder Rohrkolben. Auch werden oftmals Vogelfedern oder in der Umgebung gefundene Kunststoffe verbaut. Das schafft Wohnkomfort. Da es in Deutschland inzwischen etwa 5000 freilebende Papageienvögel und einige andere Exoten gibt, könnte es sein, dass unsere Vogelwelt in Zukunft eventuell noch etwas bunter wird.

Für meine Kundin gab es nur eins: „Herr Dralle! Schnell weg mit dem verdammten Kraut. Nicht, dass das noch jemand sieht! Der blöde Vogel . . . Ist ja fürchterlich!" Sie hatte in ihrem langen Leben sicher nicht ein einziges Mal falsch geparkt und konnte sich kaum beruhigen.

Ich fuhr also das Kraut in meinem geschlossenen Lieferwagen weg. Ständig beide Rückspiegel im Blick. Tempo 52 km/h. Ich hielt an gelben Ampeln. Beim Ausladen in der Kompostierungsanlage schaute mir der Mitarbeiter recht ungläubig zu. Möglich, dass er meine Lieferung nicht kompostierte und anders recycelte.

 

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