Hortus Conclusus, Folge 9 
Frühling im Oktober
VON JONATHAN CASPAR DRALLE
In den neunziger Jahren habe ich einmal in Dahlem auf der Straße einen sehr kleinen und sehr alten Mann gesehen. Ich kannte das freundlich-traurige Gesicht von einem Buchumschlag. Es war Sebastian Haffner.
Nazizeit und Emigration hatten aus ihm einen politischen Journalisten gemacht, aber eigentlich wollte er Schriftsteller werden. So kam es, dass er über Politik und Geschichte besser schreiben konnte als andere. Vor dem Krieg hatte er einmal ganz unpolitisch über die Monate philosophiert: Der Oktober etwa sei ein zerrissener Monat, halb September, halb November.
Einigermaßen überraschend erklärte der junge Haffner dann ausgerechnet den März zu einem seiner Lieblingsmonate; er sei so „bezaubernd wie die erste Liebe".
Da ist was dran. Merkt man nicht erst im März so richtig, dass die Tage wieder länger werden? Und die Natur aus dem Winterschlaf erwacht? Es sind die Tage, an denen die Telefone wohl aller Gärtnerbetriebe ununterbrochen klingeln, während man eben noch das Gefühl hatte, jemand habe den Stecker aus der Telefondose gezogen. Doch niemand muss bis zum Vorfrühling tatenlos warten, kann man doch dessen Freuden schon jetzt vorbereiten.
Es geht um Blumenzwiebeln: Was Sie jetzt noch in die Erde bekommen, wird Sie – je nach Pflanzenart – ab Januar überraschen und erfreuen. Allerdings sollten Sie das wirklich sofort in Angriff nehmen, um den von Ihnen eingesetzten Zwiebeln noch einige frostfreie Tage oder Wochen zum Wurzeln schlagen zu gönnen. Wenn Sie Kinder haben, lassen Sie diese Biologiestunde keinesfalls ungenutzt verstreichen: Nichts macht Kindern den Kreislauf der Natur anschaulicher.
Dass aus so einer ollen Zwiebel – Wasserspeicher, Erbinformation und Energievorrat in einem – bald eine wunderschöne Tulpe, Narzisse, Hyazinthe oder ein Schneeglöckchen wird, ist in der Natur tausendmal eindrucksvoller als im Biologiebuch. Beim Einpflanzen kann man nicht sehr viel falsch machen: Die Erde ausheben, auflockern und die Zwiebel mit den Fäden – das sind die Wurzeln – nach unten einsetzen, nicht tiefer als die dreifache Höhe der Zwiebel. Ist oben und unten nicht eindeutig erkennbar, legen Sie die Zwiebel einfach waagerecht in das Loch; das regelt sich. Erde drauf und vorsichtig wässern. Sollte im Garten ein Wühlmäuseproblem bekannt sein, so empfiehlt es sich, die Zwiebeln in Pflanzkörbe zu legen.
Diese Kunststoffkörbe erleichtern auch das Herausnehmen von nicht winterharten Zwiebeln wie zum Beispiel Dahlien. Gegen die in den letzten Jahren zumindest in und um Berlin zunehmende Heimsuchung durch Wildschweine werden diese zarten Körbchen natürlich nicht helfen. Sollten Sie Maiglöckchen (Vorsicht, giftig!) oder Krokusse in eine Rasenfläche setzen, stechen Sie einfach die Fläche aus und legen das Stück Rasen hinterher wieder an die alte Stelle.
Andrücken und wässern, fertig. Da die Energie über die Blätter gewonnen wird, sollten die möglichst lange erhalten bleiben, also nicht zu früh abgeschnitten werden. Um im Frühjahr kontrollieren zu können, ob aus allen Zwiebeln etwas geworden ist, empfiehlt es sich, Ihre Pflanzungen irgendwo zu notieren.
Wetten, dass Sie sich nach gefühlten hundert Feiertagen, Katastrophen, Koalitionskrächen und anderen Unwettern im nächsten Jahr nur noch schemenhaft erinnern können, was Sie wo gepflanzt haben?
Wenn die Feiertage vorbei sind und das neue Jahr begrüßt ist, es draußen stürmt und schneit und tobt, haben Sie noch etwas übrig: die stille Vorfreude auf die ersten Boten der erwachenden Natur. Sie warten da draußen auf ihren Einsatz.
Und vielleicht finden Sie dann, dass Sebastian Haffner gar nicht mal falsch lag. Mit seiner Liebe zum März.

