Hortus Conclusus, Folge 20 
Wilde Terroristen
Von Jonathan Caspar Dralle
Es gibt dieses Sprichwort, das besagt: „Je fetter der Boden, desto fetter das Unkraut." Jetzt, mitten in der Vegetationsperiode, wachsen und gedeihen also nicht nur jene Pflanzen prächtig, von denen Sie es sich wünschen, sondern leider auch solche, die Sie eigentlich nicht in Ihrem Garten haben wollen.
Ich bin ja nicht so bibelfest. Aber schon da, im Neuen Testament, taucht das Wort Unkraut auf, das „einer zwischen den Weizen" gesät habe. „Als nun der Weizen wuchs und Ähren ansetzte, schoss auch das Unkraut auf", heißt es bei Matthäus. Und weiter: „Da gingen die Arbeiter zum Gutsherrn und fragten: ‚Herr, du hast doch guten Samen auf deinen Acker gesät, woher kommt das Unkraut?' Der Gutsherr antwortete ihnen: ,Das muss einer getan haben, der mir schaden will.'"
So weit würde ich nicht gehen. Denn was wir da so abfällig Unkraut nennen – nun, das ist eine Frage der Definition. So könnten Sie beispielsweise aus Giersch – hierzulande mitunter das hartnäckigste „Unkraut" – einen durchaus schmackhaften Salat zubereiten. In früheren Zeiten galt der Giersch, das „Zipperleinskraut", als Heilpflanze. Weiße Siedler nahmen den Giersch sogar mit in die Neue Welt. Mit Absicht! Oder nehmen wir mal junge Löwenzahnblätter: eine Delikatesse nicht nur für Millionen Meerschweinchen.
Mal angenommen, Sie wollen in Ihrem Garten lieber doch keinen Giersch. Das könnte ich gut verstehen, zumal er anderen Pflanzen Licht, Wasser und Nahrung wegnimmt. Etliche Leute berichten mir regelmäßig von ihrem „persönlichen Kampf-Kraut". Einige haben ihn besiegt, andere fragen mich nach taktischem Rat, wieder andere haben sich mit ihm arrangiert. Zunächst die Theorie: Jede Pflanze, die irgendwo vorhanden ist und sowohl Nährstoffe als auch Licht hat, will wachsen. So ist die Natur, und das ist gut so. Die Evolution ebnete jedem Kraut den Weg.
Zugleich werden unendlich viele Arten vor unserer Zeit gescheitert sein. Anders gesagt: Je anpassungsfähiger, schnellwüchsiger oder effektiver eine Pflanze ist, desto besser war und ist ihre Entwicklung und Verbreitung. Und da hat der Giersch so seine Stärken, leider. Aber zum Glück ist eine dieser Stärken auch sein Schwachpunkt. Des Gierschs größte Stärke ist sein schnell wanderndes Wurzelwerk. Wird dieses – etwa durch einen engagierten Nachbarn – an der Grundstücksgrenze abgetrennt, kommen kurze Zeit später wieder mehrere Wurzeln auf ihn zu und überrollen sein Grundstück wie eine Walze.
Hier sollte man keine Experimente wagen. Hinzukommt der konventionelle Weg via Samen. Eine weitere Stärke ist das dicht schließende Blätterdach des Gierschs. Es wächst schnell und sorgt für regelmäßige Energiezufuhr. Kaum ein anderes Kraut gewinnt in dieser Wuchshöhe den Kampf ums Licht gegen den Giersch.
Und genau hier muss man ansetzen: indem man dem Unkraut das Licht nimmt – oder die Blätter, die es aufnehmen. Zunächst beseitigen Sie darum alles, was Sie von der Pflanze oberhalb der Erde sehen, immer wieder. Sie rauben damit der Pflanze die Energiezufuhr. Beim Rasen macht das der Rasenmäher. In den Beeten ist natürlich Handarbeit nötig.
Wenn Sie das Übel an der Wurzel packen wollen, müssen Sie extrem gründlich arbeiten. Aus jedem Wurzelrest, das in der Erde verbleibt, werden Ihnen schon bald junge Triebe entgegenwachsen. Da könnten Sie auch gleich über einen 30 Zentimeter tiefen Bodenaustausch nachdenken. Sie könnten den neuen Trieben aber auch den Garaus machen, indem Sie den Boden mit schwarzer Folie abdecken, die Sie dann mit Rindenmulch kaschieren und beschweren.
Danach überlassen Sie anderen Pflanzen das Geschäft, dem Giersch das Licht zu rauben. Da eignen sich etwa Schaublatt oder Funkien, die sehr große Blätter haben und sich zu einem dichten Bestand entwickeln können. Für dieses Vorhaben sollten Sie möglichst große Pflanzen kaufen, damit Ihr Wunschkandidat quasi auf der Poleposition ist.
Und wenn das alles nicht hilft, versuchen Sie es mit Beten.
Bei Matthäus steht auch: „Der Feind, der das Unkraut gesät hat, ist der Satan."
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